Katjas 'Stalinstadt Report'

Stalinstadt
am 31.01.2021

 

Natürlich heißt der Ort im äußersten Osten Deutschlands schon lange nicht mehr so. Eisenhüttenstadt stattdessen. Aber eine Zeit lang, nach Stalins Tod, stand dieser Name eben doch auf den Schildern, Dokumenten und Bannern der Stadt.

 

So auch auf der Eisenbahn, die im Film „Das Schweigende Klassenzimmer“ 1956 am Bahnhof Friedrichstraße in Berlin einfährt und angekündigt wird durch den Lautsprecher: „Einfahrt der Zug aus Stalinstadt“. 
Diesen Film habe ich in 15 Klassen angehender Verwaltungsfachangestellter im Fach Deutsch gezeigt; ich hätte ihn auch in jedem anderen Fach untergebracht.

 

Wir wollen sie selbst sehen, die einzige komplett realisierte ‚Planstadt‘ der DDR, und das, was von ihr übrig ist. Wir wollen die Schauplätze des Films finden. Es ist Sonntag im Corona-Lockdown, bestens geeignet zum Fotografieren, es wird nur wenige Menschen auf den Straßen geben.

 

Und so ist es. Die Stadt ist fast leer. Es liegt noch ein bisschen Schnee. Wir parken in der Fritz-Heckert-Straße, erwandern uns von hier aus die verschiedenen Quartiere /Bauabschnitte inkl. ‚Zentrum‘, die Rosa-Luxemburg-Straße, das sowjetische Ehrenmal am Platz des Gedenkens, die Astrid-Lindgren-Grundschule (vor ausgerechnet deren Tür 1953 die Stalin-Namensgebung bekannt gegeben wurde) oder die berühmte Gaststätte ‚Aktivist‘.

 

Ich bin sofort beeindruckt. 

 

  • Fassadenschmuck überall – schlicht aber wichtig, dezent, klassisch angehaucht, gradlinig, wenig Schnörkel, kitschig natürlich, dennoch gestaltend. 

  • Große Torbögen zu ‚Innenhöfen‘ zwischen den Blöcken, mit kleinen Straßen und Wegen.

  • Kunst am Bau auf Schritt und Tritt, Plastiken, manche wie ich sie aus meiner Gartenstadt-Vahr-Kindheit kenne, andere ziemlich real-sozialistisch verhunzt, aber egal; im Zentrum lange Wasser-Spiele entlang der Straße, Menschen-Statuen auf der anderen Seite – und natürlich die großen sozialistischen Wandmalereien mit wahlweise glücklichen Menschen oder Helden.

  • Die Schulen, insbesondere das große Erich-Weinert-Gymnasium: großartig proportioniert, starke Fassaden, strukturiert, einladend. Ok, das mit den Säulen soll natürlich ‚herrschaftlich‘ anmuten („man merkt die Absicht und ist verstimmt“), aber trotzdem: auf ne Art vertraut ...

 

Nach einer Weile stellen sich andere Wahrnehmungen und Gefühle ein.

 

Das große typische Problem: die Leere, die zu großen öffentlichen Räume, die Bebauung an viel zu großen, überdimensionierten Straßen und Plätzen! Es pfeift der Wind, kein Gegenüber, kein Begegnen möglich über die Straße hinweg, dazwischen Platz für imaginäre oder herbeigeschaffte, zusammen strömende Massen – wer oder was sonst soll die Plätze füllen?

Ausnahme: die Saarlouiser Straße mit ihrem sanften Bogen, den Bäumen, vereinzelt Geschäfte integriert im Erdgeschoss – hier könnte so etwas ähnliches entstehen wie urbanes Leben, Zusammengehörigkeit, Identität ...

 

Warum sind die Innenhöfe so absolut nicht einladend? Nirgendwo ein Spielplatz, obwohl das Auge automatisch danach sucht: soooo viel Platz für Kinder, für Eltern und Großeltern, sicher auch für Jugendliche – tatsächlich aber keine Spielplätze, kaum Bänke, dafür große, leere Rasenflächen, plus Parkplätze für die Autos direkt vor den Türen – that’s it. Ich verstehe: im Sozialismus hat der öffentliche Raum absoluten Vorrang vor privatem, und sich einfach so treffen und spielen ohne Aufsicht, Anleitung, höheren Sinn war nicht angesagt – ist das der Grund?

 

„Einheitlich – find ich gut“, so hatte ich gleich am Anfang gesagt. „Wiederholung, das strukturiert“. Aber nach einer Weile fällt mir auf: es ist eben auch unendlich langweilig. Gleichförmig. Nicht unterscheidbar. Wir sind uns mehrfach nicht sicher, ob wir hier nicht eben gerade schon waren – waren wir aber nicht. Es sieht nur genauso aus wie eben.

 

Der Aktivist, die Gaststätte mit Legenden-Ruf, ist einmalig für unseren heutigen Geschmack. Und bis auf den Mülleimer davor ist alles fast erhalten.

Das Friedrich-Wolf-Theater trägt noch den großen Namen. Drinnen ist, wie an den Plakaten zu erkennen, Schlager und Volksmusik in verschiedensten Heimat-Varianten (Tina Söllner, „Herz aus Stahl“). Ausschließlich. Wir hören uns auf dem Rückweg diesen Song an. Schlimm. Aber: Die große Identifikation mit ‚Hütte‘, der ausblutenden Stadt, und wenn es schon sonst keinen Grund dafür gibt, dann eben diesen. Wer sind wir, uns darüber zu erheben? 

 

Das Rathaus, erbaut in unglaublicher Größe, weil auch für die ‚Massenorganisationen und Parteien‘ konzipiert, erstarrt mit seinen überdimensionierten Maßen angesichts der tatsächlichen Einwohnerzahl heute, aber auch schon damals (Höchstzeiten: 72.000, heute 25.000 Menschen). Davor ein riesiger unübersehbarer Platz (z. T. genutzt als Parkplatz), die Häuser auf der anderen Seite sucht man geradezu mit Fernblick.

 

Nun noch zur Stahlhütte – dem Kern, dem Anlass der Stadtteilgründung. Sie lag und liegt außerhalb. Einer von drei Öfen brennt noch, nach grundlegender Modernisierung gefördert durch die EU, Arcelor Mittal hält noch, aber wie lange... Auweia. Dafür gibt es inzwischen ein niegelnagelneues Papier- bzw. Wellpappe-Werk namens Progroup, großes Gebäude, wenig Arbeitsplätze.  

 

 

Die Schule aus dem Film finden wir nicht, sie liegt im Hof des Dokumentationszentrums ‚Alltagskultur der DDR‘, das hat zu wegen Corona. Wir werden also definitiv wieder kommen.