Das Funkhaus der DDR in der Nalepastraße
 

Das von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommene ehemalige Funkhaus der DDR des Architekten Franz Ehrlich (erbaut 1952-65) in der Nalepastraße im ehemaligen Ost-Berlin ist ganz sicher eines der faszinierendsten und bedeutendsten Bauwerke der Stadt.

Ein leerstehender Baukomplex einer früheren Sperrholzfabrik wurde zu einem Funkhaus ausgebaut. Von hier sendeten, zentral und von der SED-Führung streng reglementiert bis zu ihrem Untergang sämtliche überregionalen Radiosender der DDR ihre Programme. 

Der Bau des Architekten Franz Ehrlich fällt mit seinem scharfen Kontrast zur damaligen Staats-Architektur des 'stalinistischen Klassizismus' bei der DDR-Führung in Ungnade: SED-Chef Ulbricht selbst erscheint nicht zur Eröffnung des Hauses.​

Noch heute werden die Sendestudios genutzt und gelten als „State of the Art“.

Meine Fotos zeigen den Zustand der Anlage im Jahr 2017.

Das Funkhaus der DDR

 

Für den Bau lieferte der Architekt Franz Ehrlich, Kommunist und ehemaliger Bauhaus-Schüler, die Pläne. Der verglaste Bogengang mit großen Stahlfenstern ist eine deutliche Reminiszenz an das Bauhaus. Auch der Verzicht auf repräsentative Zufahrten oder Eingänge zu den Gebäuden verweisen auf die Dessauer-Moderne.

Im Innenbereich schuf Ehrlich eine außergewöhnliche Symbiose aus 'Moderne' und 'repräsentativem Konservatismus': Großzügige Foyers mit Freitreppen und repräsentative Eingangshallen mit Säulen. Für den Boden verwendete er Saalburger Marmor, der zum Teil aus der zerstörten Reichskanzlei stammte.

Ehrlich fällt mit dem Bau, der einen scharfen Kontrast zur damaligen Staats-Architektur des 'stalinistischen Klassizismus' bildete, bei der DDR-Führung in Ungnade: SED-Chef Ulbricht selbst erscheint nicht zur Eröffnung des Hauses.

 

Noch heute gelten die Sendestudios als „State of the Art“. Sie faszinieren mit Klangqualität, optimaler Nachhallzeit und guter Studioausstattung. In den Tonstudios spielten A-ha, Sting und andere einige ihrer Alben ein. Im Großen Aufnahmesaal 1 nahmen nach der Wende Daniel Barenboim und Kent Nagano Sinfonien und Opern auf, große Musiklabels nutzen die Studios für Musikproduktionen.

 

Die Konstruktion und der akustisch perfekte Ausbau durch Chefingenieur Gerhard Probst und Akustiker Lothar Keibs sind eine ingenieurtechnische Meisterleistung.

Über 5000 Personen arbeiteten in den 1970er Jahren in der Nalepastraße und verfügten vor Ort über das Dienstleistungsangebot einer kleinen Stadt. Ungeachtet der Größe und Bedeutung des Funkhauses verzichtet der Architekt bewusst auf repräsentative Zufahrten oder Eingänge zu den Gebäuden. Diese Abschottung gegen das Umfeld ist ein typisches Kompositionsprinzip der Funktionalisten des Bauhauses (vergleiche auch Hannes Meyers ADGB-Schule in Bernau) und sollte die Konzentration auf die Arbeit versinnbildlichen und sichern. 

Treten Besucher allerdings durch die nahezu versteckten Eingänge in die Gebäude, eröffnen sich spektakuläre Foyers mit Freitreppen und Eingangshallen mit Säulen. Die angegliederten Studios sind in einem viertelkreisförmigen Bogen zusammengefasst. Der äußere verglaste und lichtdurchflutete Bogengang mit den großen Stahlfenstern ist eine eindeutige Reminiszenz Ehrlichs an das Bauhaus. Die Innenausstattung erfolgt unter maßgeblicher Beteiligung der Deutschen Werkstätten Hellerau in Dresden. Im Studiogebäude verwendet Franz Ehrlich für den Boden Saalburger Marmor, einen farbigen Kalkstein aus Thüringen, der zum Teil ebenfalls aus der zerstörten Reichskanzlei stammt.

Die Studios selbst haben einen trapezförmigen Grundriss und - wie die Sendesäle auch - separate Fundamente nach dem Haus-in-Haus-Prinzip, um Schallübertragungen zu vermeiden. Alle Aufnahmeräume sind durch Hallräume und Dehnungsfugen voneinander getrennt und umbaut, sodass die Aufnahmen frei von äußeren Einflüssen erfolgen. Wandverkleidungen, Decken und Fußbodenbeläge sind so gewählt, dass bestimmte Frequenzen herausgefiltert bzw. absorbiert werden. Für den Entwurf der Sendesäle arbeitet Franz Ehrlich eng mit dem Ingenieur Gerhard Probst und dem Akustiker Lothar Keibs zusammen, der später (1960-1965) das erste vierkanalige Aufnahme- und Übertragungsverfahren (Stereo-Ambiofonie) entwickelt. Es entsteht ein Studiokomplex, der noch heute als „State of the Art“ gilt.

Daniel Barenboim hat im Großen Aufnahmesaal 1 mit der Staatskapelle Berlin zahlreiche Konzerte aufnehmen lassen und rühmt den Saal für seine Akustik: Der Saal sei eines der besten Aufnahmestudios weltweit.. Szenen des Films ‚Bridge of Spies – der Unterhändler‘ mit Tom Hanks werden hier gedreht. A-ha, Sting, Depeche Mode, Daniel Barenboim, Cecilia Bartoli, Kent Nagano und andere nahmen hier Alben auf. Jerry Goldsmith oder Roman Polański produzieren hier Filmmusiken. Major-Labels wie Universal, BMG, Sony, EMI und Teldec nutzen die Studios für Musikproduktionen.

Entstehung des DDR-Rundfunks

 

Alle Berliner Hörfunk-Programme entstehen vor dem Krieg im Haus des Rundfunks in der Masurenallee, direkt am Funkturm in Charlottenburg. Am 2.Mai 1945 besetzt Major Popow mit einer Kompanie der Roten Armee das Haus. Er kennt das Gebäude, weil er hier von 1931 bis 1933 als Praktikant gearbeitet hatte. Unter sowjetischer Leitung wird ab dem 4. Mai wieder gesendet. Bis 1950 kontrolliert die sowjetische Besatzungsmacht den Sender, obwohl er im britischen Sektor liegt.

 

Um ihrerseits ein Gegengewicht zu den sowjetischen Propagandasendungen zu schaffen, beginnen Briten, Franzosen und Amerikaner in ihren Sektoren mit eigenen Rundfunkprogrammen. Der bekannteste Sender wird der RIAS = Radio im Amerikanischen Sektor).

1948/49 riegeln die Sowjets West-Berlin hermetisch ab, um die Amerikaner aus Berlin zu vertreiben und ganz Berlin als Hauptstadt der DDR zu etablieren. Die Berliner-Blockade und die Luftbrücke schreiben Geschichte.

Die Blockade scheitert schließlich an der Standhaftigkeit der USA; in dieser Zeit aber bauen die Sowjets in aller Stille die technischen Einrichtungen in der Masurenallee ab und verbringen sie in ihren Sektor um sie in das geplante neue Funkhaus Nalepastraße einzubauen. Erst am 5. 7. 1956 erfolgt die Übergabe des nunmehr leeren Gebäudes an den Berliner Senat.

Der DDR-Rundfunk wird schnell zum wichtigen Akteur des ‚Kalten Kriegs‘. Am 5. September 1961, drei Wochen nach dem Bau der Berliner Mauer durch die SED, beginnt die verstärkte Abschottung der DDR mit der Aktion „Blitz contra Natosender“. Dabei werden auf Westempfang ausgerichtete Rundfunkdachantennen in Ost-Berlin durch FDJ-Mitglieder auf Ostempfang gedreht oder zerstört. Zu den Aufgaben des DDR-Rundfunks gehört auch das Stören unliebsamer Sendungen aus dem Westen. Betroffen davon ist vor allem der RIAS.

Nach der deutschen Wiedervereinigung werden die Rundfunkprogramme aus der Nalepastraße bis zum 31. Dezember 1991 fortgeführt und an diesem Tag um 24 Uhr eingestellt. Mit dem Einigungsvertrag 1990 werden die fünf neuen Bundesländer und das Land Berlin Eigentümer der Immobilie. Danach beginnt eine lange Leidensgeschichte von Unfähigkeit, Amtsmissbrauch und kriminellen Machenschaften.

 

Seit Juli 2015 sollen die denkmalgeschützten Einrichtungen einem Konsortium um zwei Privatunternehmer gehören, die bereits Eigentümer und Betreiber des Postbahnhofs, der Erdmann-Höfe und des Wasserturms am Ostkreuz sind. 

Die Investoren beabsichtigen, schrittweise „eines der größten Musikstudios der Welt“ aufzubauen. Vieles ist bereits vorangeschritten, wovon ich mich Ende 2017 überzeugen konnte. Musiker, Fotografen, Maler, Multimedialeute, Konzertveranstalter, Verlage und Designer finden im Komplex ein kreatives Umfeld. 

Franz Ehrlich

Entworfen wird das Funkhaus Nalepastraße von Franz Ehrlich, der von 1927-1930 zunächst Student und später Mitarbeiter von Walter Gropius am Bauhaus Dessau ist. Ehrlich wird, da Kommunist, 1934 von den Nazis wegen Hochverrats verurteilt und 1937 ins KZ Buchenwald deportiert. Als Lagerinsasse gestaltet Ehrlich auf Befehl das berühmte Lager-Tor mit der Inschrift 'Jedem das Seine'. Die verwendete Typografie wird von den Nazis nicht als Bauhaus-Stil erkannt. 1939 wird er entlassen und, da wehruntauglich, im SS-Hauptbüro arbeitsverpflichtet. Er entwirft die Kommandantenvilla samt Inventar, Baracken und Lager-Zoo.

Nach dem Krieg wird Ehrlich Leiter des Referats für Wiederaufbau in Dresden. Er baut das Funkhaus Berlin, das Fernsehzentrum in Adlershof, fungiert als Chefarchitekt der Leipziger Messe und entwirft zahlreiche Botschaftsgebäude der DDR. Das Zentralinstitut für Herz-Kreislaufforschung in Berlin-Buch gehört zu seinen bedeutendsten Bauten.

1968 wird er Formgestalter der Deutschen Werkstätten Hellerau. Seine Formgebung des Geschirrs Angelika geht wegen des westlich dekadenten Bauhausstils aber nicht in Produktion.

Ehrlich ist zwar mit seinen Arbeiten ein wichtiger Devisenbringer für die DDR, gilt aber der SED als unzuverlässig und steht ständig unter Überwachung der Stasi, obwohl selbst IM. Mehrfach droht Ehrlich mit seiner Flucht aus der DDR.